Smart TV: Video-Content dahin zurückholen wo er hin gehört!

Am 22. Februar 2011 fand im Kempinsky Hotel am Münchner Flughafen eine Podiumsdiskussion der Medientage München unter dem Motto “Broadcast goes Broadband – Hybrid-TV: Die Welt des vernetzten Fernsehens” statt.

Medienexperten diskutierten über die Verschmelzung von Fernsehen und Internet. Neben Vertretern aus den Bereichen Print und TV waren auch Hardware-Hersteller auf dem Podium.

Medientage: Broadcast goes Broadband - Hybrid-TV: Die Welt des vernetzten Fernsehens

Medientage: Broadcast goes Broadband - Hybrid-TV: Die Welt des vernetzten Fernsehens

HbbTV ein europäisches Süppchen?

HbbTV wurde von Jürgen Sewczyk (JS Consult) als der Standard vorgestellt, der Videotext nun endlich nach 30 Jahren ablösen wird. Mit starken Technologien, wie CE-HTML und JavaScript werde nun die Verschmelzung von Internet und Fernsehen eingeläutet.

Aus den Reihen der Content-Anbieter kamen jedoch auch Bedenken: HbbTV ist bis dato ein rein europäscher Standard. Bernhard Hafenscher, Head of Business Development bei Red Bull Media House, will als Vertreter des international operierenden Eventveranstalters nicht für jeden Markt eine neue Applikation und Lösung. Er fordert einen weltweit einheitlichen Standard. Auch wenn er HbbTV eine gute Usability attestieren kann, so stellen die HbbTV-fähigen Geräte doch nur einen kleinen Teil aller TV-Geräte dar. Deshalb sei es schwer, den einen Weg zu finden, denn die Inhalteanbieter können und wollen es sich nicht leisten, für eine Vielzahl von Endgeräten Applikationen zu entwickeln. Seiner Meinung nach sind nur etwa 30% der webfähigen Fernseher auch wirklich am Netz.

Content ist King!

Ja, der Satz fiel auch während der Diskussion: „Der Content ist King!“ Dieser Satz trifft sowohl auf TV als auch Web zu. Mit dem Smart TV – dieser Begriff wurde auf der CES 2011 für internetfähige Fernseher eingeführt – besteht nun die Chance, endlich „den Video-Content wieder dahin zurück zu holen, wo er hin gehört: auf den Fernseher!“, so einer der Podiumsteilnehmer. Ich hatte mich selbst schon immer gefragt, wer YouTube-Filme oder Serien in Mediatheken mit einer Länge von über einer halben Stunde in Ruhe am Laptop anschaut. Marek Baum, Projektleiter Bewegtbild bei Bild Digital, stellte für mich sehr nachvollziehbar die Zuschauergewohnheiten von Web TV dem Hybrid TV gegenüber. In der abgebildeten Tabelle (Dank an Marek Baum für den Screenshot!) sieht man schön, dass Spielfilme auf den Fernseher gehören und eben nicht auf den PC.

Sehkomfort: Web TV vs. Hybrid TV (Quelle: Bild.de)

Sehkomfort: Web TV vs. Hybrid TV (Quelle: Bild.de)

Und wer bezahlt das alles?

In dem Bereich „Internet auf dem Fernseher“ herrscht derzeit Goldgräberstimmung. Fast alle Beteiligten sehen neue Chancen und Vermarktungsmöglichkeiten. Der Meshup von Internet und TV bietet neue Möglichkeiten, um den Konsumenten von einem Medium ins andere zu holen und das nahtlos. Die Unterschiede zwischen linearem und nichtlinearen Content verschwimmen zusehends: Der Electronic Program Guide (EPG) kann nicht nur das Programm der Zukunft anbieten, sondern auch vergangene Sendungen mit Verknüpfung in HbbTV-taugliche Mediatheken (z.B. arte+7-Mediathek), dem Zuschauer zur Verfügung stellen.

Für Ausstrahlungen und Shows werden heute schon lange angelegte Kampagnen geplant. Das beginnt bereits während der Produktion eines Filmes oder der Konzeptphase zu einer TV-Show. Da der Zuschauer erst erfahren muss, dass es Inhalte zu einer Kampagne gibt, muss er darauf aufmerksam gemacht werden: Mit dem Red-Button kann der Zuschauer jetzt schon frühzeitig im Werbetrailer abgeholt und auf den Webauftritt geführt werden.

Die Verwertungsfenster von der Produktion eines Hollywood-Blockbusters bis zum Angebot im Free-TV werden immer kürzer. So ist die Filmindustrie sehr daran interessiert, dass jede Möglichkeit zur Verwertung der Produktionen auch genutzt wird: Vor der Premiere die Ankündigung in Werbespots und auf Micro-Websites. Nach einer Live-Show die Best-Of-Clips im Internet. Und jetzt eben mit Möglichkeiten von einem Medium nahtlos in das andere zu wechseln.

Diese Konzepte gehen noch von dem typischen Werbemodell mit Werbebannern aus, doch die Content-Provider wollen ähnlich dem derzeitigen Vorgehen im iTunes-Umfeld mit den In-App-Verkäufen über Pay-per-View zu Abo-Modellen kommen. Doch hier bietet HbbTV derzeit noch keine standardisierte Lösung für Micro-Payment, wie sich die Teilnehmer beklagten.

Smart TV – die Chance für kleine Broadcaster

Während der Diskussionen wurde immer wieder deutlich, dass das hybride TV durch die Verbindung von Broadcasting-Quellen mit dem Internet kleinen (lokalen) Radio- und Fernsehanstalten, neue Möglichkeiten eröffnet. Der Einstieg in die TV-Welt ist über HbbTV kostengünstig zu bewältigen. Es wird kein teurer Satelliten-Kanal zur Ausstrahlung benötigt. Trotzdem hat jetzt jeder Sender die Chance, auf den Fernsehschirm im Wohnzimmer zu kommen: Vorausgesetzt er spielt seinen Content HbbTV-konform aus.

Fazit

Meiner Meinung nach ist HbbTV – zumindest in Europa – der richtige Weg. Die Interaktion zwischen Web und TV ist ein unschlagbares Alleinstellungsmerkmal. Das TV wird nur richtig Smart, wenn man gar nicht mehr merkt, ob man in der Mediathek on Demand ein Video sieht oder eine Live-Sendung via Satellit: Linearer und nicht linearer Content verschmelzen für den Zuschauer. Für uns als Anbieter von Content Management Systemen und Mediatheken ist nur zu hoffen, dass die unterschiedlichen Umsetzungen der Hardware-Anbieter auch kompatibel sind und bleiben. Einen „Browser-Krieg“ auf dem Fernseher wünscht sich keiner. Aus diesem Grund werden wir in Zukunft auch enger mit dem IRT zusammenarbeiten, um z.B. bei Kompatibilitätstests die Verträglichkeit der Geräte mit den Standards zu prüfen – mit den Mediatheken und Portalen, die wir für unsere Kunden entwickeln.

Update

messelive.tv hat einen Videozusammenschnitt der Veranstaltung veröffentlicht:

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