Intelligent fernsehen?

CC BY 2.0Am  19. September fand beim Institut für Rundfunktechnik (IRT) in München ein Kolloquium zum Thema “Recommendation Engines in den Medien: Wie intelligente EPGs das Fernsehen verändern können” statt.

Ich möchte in diesem Artikel das Thema etwas weiter fassen und auf das Fernsehverhalten und das Smart TV im Ganzen eingehen. Doch dafür werde ich die Brücke vom klassischen EPG über den intelligenten EPG zum intelligenten Fernseher schlagen.

Dummer Fernseher?

Der klassische EPG ist seit Jahren auf den Fernsehgeräten und Settop-Boxen etabliert. Über das TV-Signal werden die Informationen zu zukünftigen Sendungen auf das Gerät gebracht und dort als Vorschau aufbereitet. Das ganze ist sehr starr und wird von den Broadcastern auch unterschiedlich gut gepflegt. EPG in seiner ursprünglichen Form hat sich nie richtig durchgesetzt. Die Ergebnisse auf der Mattscheibe sind immer hinter den Möglichkeiten geblieben, die der EPG eigentlich hätte bieten können.

Cleverer Fernseher?

Moderne Fernsehgeräte mit Internetanschluss – sogenannte Smart TVs – können den Guide nun in einer webfähigen Version darstellen. Durch die Möglichkeiten von HbbTV, dem HTML-Standard für Fernseher, sind zum einen ansprechendere Oberflächen realisierbar, zum anderen bieten diese auch wesentlich mehr Möglichkeiten in Darstellung und Bedienung. Im Gegensatz zum klassischen EPG können diese Guides z.B. auch das Programm aus der Vergangenheit darstellen: bereits gelaufene Sendungen werden dann aus den Online-Videotheken eingespielt. Ein großer Mehrwert für den Zuschauer, um verpasste Sendungen auf dem Fernsehgerät schnell und einfach aufrufen zu können. Die Mediatheken werden direkt  in den Guide eingebunden und erhalten einen größeren Stellenwert, denn verpasste Sendungen und Beiträge können wieder direkt auf dem Fernsehgerät angeschaut werden.

War früher EPG und Videotext die einzigen Zusatzanwendungen auf dem Fernsehgerät, sind aktuelle Geräte durch ihre Internetfähigkeit schon wesentlich weiter. Die Icons auf den App-Portalen der Geräte nehmen mehr und mehr zu. Neben Mediatheken gibt es bereits Anwendung für Wettervorhersagen, Shops, News und vielem mehr. Einzig die Fernbedienung mit ihrem Zehner-Feld beschränkt derzeit die ergonomische Bedienung der Angebote.

Intelligenter Fernseher?

Wie man erkennen kann, wird sich das Nutzungsverhalten mit den Smart TVs verändern. Wo aktuell der große Run auf die Smartphones vorherrscht, werden die smarten Fernseher in naher Zukunft in der breiten Zuschauermasse ankommen. Die derzeitigen Anwendungen stecken also noch in ihren Kinderschuhen und sind die ersten Gehversuche auf den Fernsehgeräten, die auch massentauglich sind. Möglichkeiten, die heute bereits im klassischen Web möglich sind, werden auch immer mehr Einzug in die Entertainment-Systeme der Zukunft halten. Auch das Problem der Bedienung wird sich lösen: Auf der IFA und der IBC wurden die ersten Fernsehgeräte vorgestellt, die sich bereits mittels Smartphone oder Tablet bedienen lassen.

Das alles macht jedoch den Fernseher noch nicht intelligent. Intelligent sind Systeme, wie Amazon oder Google, die anhand des Nutzerverhaltens weitere Inhalte vorschlagen. Auf den Fernsehgeräten wird das noch mehr Stellenwert erhalten als am PC. Die Lean-Back-Haltung des Zuschauers erwartet, dass die Inhalte automatisch aufbereitet und angeboten werden. Hier werden die Recommendation Engines in die Anwendungen Einzug halten. Nicht nur die EPGs werden davon betroffen sein. Der Anwender will auf dem Smart TV im Wohnzimmer nicht aktiv surfen, sondern mit Inhalten bedient werden. Das wird die Kunst der neuen TV-Apps sein. Verschiedene Systeme werden sich um den Zuschauer rangeln: klassische Vorschlagssysteme, die anhand von Keywords und Metadaten arbeiten aber auch ausgeklügeltere Dienste, die verschiedene Quellen mit einbeziehen:

  • Social Graph: Was sagen meine Freunde auf Facebook, Google+ oder Twitter?
  • Broadcast: Was läuft aktuell auf dem Fernseher für eine Sendung?
  • Zeit & Ort: Wann und wo wird die App aufgerufen?

Wo man sich heute manches mal fragt, warum ein Shop ausgerechnet das Produkt auf der Startseite anzeigt, nach welchem man vor einer Woche mal gesucht hatte, so wird man sich in Zukunft fragen (oder freuen) warum einem automatisch die neue Krimiserie auf einem anderen Kanal angeboten wird, wenn man regelmäßig Tatort schaut.

Intelligent oder was?

Die Überschriften sind alle mit Fragezeichen versehen. Es stellt sich doch tatsächlich die Frage, was macht das Medium Fernsehen intelligent? Was erwarten wir von einem intelligenten Fernsehgerät?

Die Intelligenz kommt jedenfalls nicht aus dem Gerät selbst, sondern mit HbbTV und der Internetfähigkeit sind die Grundlagen für die smarten Geräte geschaffen worden. Letztendlich sind es die Anwendungsentwickler, die die Intelligenz in die Anwendungen bauen. Man darf gespannt sein, was der Markt hier in den nächsten Jahren sehen wird. Die Grundlagen sind geschaffen.

Was sind Ihre Visionen? TV und Internet, was stellen Sie sich darunter vor, welchen Mehrwert hätten Sie durch diese Verbindung gerne auf Ihrem Fernsehgerät?


Die technisch-wissenschaftlichen Kolloquien am IRT sind Gemeinschaftsveranstaltungen des IRT mit der Fernseh- und Kinotechnischen Gesellschaft (FKTG), Regionalgruppe München, und der Bavaria Film.
Die Folienpräsentation von Herrn Martens, Geschäftsführer von House of Research, sind im Rückblick der Kolloquien zu finden.

Bild: coneybear, flickr.com

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